Gedächtnis und Geschichte: Erinnerungsorte in Hernals

Der Begriff der Erinnerungsorte (“lieux de mémoire”) geht auf den französischen Historiker Pierre Nora (1931–2025) zurück, insbesondere auf sein siebenbändiges Werk “Les lieux de mémoire” (1984–1992). Gemeint sind Punkte, an denen sich kollektives Gedächtnis und Identität einer sozialen Gruppe bündeln. Sie können sowohl materiell (z. B. Denkmäler), symbolisch (z. B. Bücher, Begriffe) als auch funktional (z. B. Rituale, Feiertage) sein.

Bilderstrecke

Materielle Erinnerungsorte

Gedenkstätte Opfer des Faschismus

Am 24. Oktober 1989 wurde auf dem Friedhof Hernals (Leopold Kunschak-Platz 7) ein Mahnmal für die Opfer des Faschismus errichtet. Es besteht aus einem bereits vorhandenen Holzkreuz, das durch eine Marmorgedenktafel mit Widmung ergänzt wurde. Gestiftet wurde das Denkmal von der Bezirksvertretung des 17. Bezirks, die Tafel entwarf der Bildhauer und Steinmetzmeister Leopold Grausam (1946–2010).

Bezirksgedenkstätte Hernals “Verfolgung, Widerstand und Freiheitskampf”

Die Bezirksgedenkstätte (Vorplatz der S-Bahn Station Hernals) erinnert an Hernalserinnen und Hernalser, die während des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus verfolgt wurden oder Widerstand leisteten. Am 15. September 2015 wurde im Park der Freiheit ein Denkmal nach einem Entwurf von Maria Anwander und Ruben Aubrecht eröffnet. Es besteht aus einem Betonkubus mit einer integrierten Flip‑Dot‑Anzeige, auf der die Namen der Betroffenen in kontinuierlicher Abfolge erscheinen.

Februarkämpfe 1934: Leopold Holy

Leopold Holy (1899–1934) war Mitglied des Republikanischen Schutzbundes und Vertrauensmann der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) in Hernals. Während der Februarkämpfe 1934 hielt er sich mit einer Gruppe von Schutzbündlern im Türkenritthof auf. Am Morgen des 13. Februar 1934 drangen Polizisten bei einer Hausdurchsuchung in der Wohnung von Olga Siegel im Türkenritthof ein und eröffneten das Feuer; Holy wurde von zwei Wachebeamten erschossen. Durch die Schlagzeile “Eine Schlacht im Stiegenhaus” der Illustrierten Kronen-Zeitung wurde der Vorfall auch medial groß aufgegriffen.

Sein Ehrengrab befindet sich auf dem Hernalser Friedhof (Gruppe 32, Nr. 94); der Holy-Hof ist nach ihm benannt; im Türkenritthof befindet sich (wie im Holy-Hof) eine Gedenktafel.

Steine der Erinnerung

Die “Steine der Erinnerung” sind ein Projekt, das seit dem Jahr 2005 der Opfer des Nationalsozialismus gedenkt. Dabei werden kleine Betonquader mit einer Messingplatte im Gehweg vor deren letztem Wohnort verlegt, die Namen, Lebensdaten und Schicksale der verfolgten Personen tragen. Als dezentrales Mahnmal holen sie die Erinnerung an verfolgte, deportierte und ermordete Jüdinnen und Juden sichtbar in den städtischen Alltag zurück. Eine Übersicht zu den Hernalser Standorten ist hier zu finden. Das Titelfoto stammt von der Geblergasse.

Widerstand und Gefangenschaft: Hans Leinkauf

Hans Leinkauf (1910–1974) schloss sich 1941 einer Widerstandsgruppe an und wurde zwei Jahre später verhaftet, in weiterer Folge wegen Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt und blieb bis Kriegsende in Gefangenschaft.

In der Zweiten Republik bekleidete er verschiedene politische Funktionen, unter anderem als Gemeinderat, Bezirksparteiobmann der ÖVP Hernals sowie Landesparteisekretär der ÖVP Wien. Am Hans-Leinkauf-Platz ist ihm, wie auch in der Pointengasse, eine Gedenktafel gewidmet.

Engel der Gefangenen: Monsignore Eduard Köck

Oberpfarrer Monsignore Eduard Köck (1891–1952) war ab 1921 langjähriger Seelsorger im Gefangenenhaus des Wiener Landesgerichtes. In dieser Funktion begleitete er auch hunderte Häftlinge, die vom NS-Regime zum Tode verurteilt worden waren.

Am 14. Mai 2004 wurde an einem Wohnhaus (Ecke Mariengasse–Gschwandnergasse) ihm zu Ehren ein Wandfresko enthüllt. Darunter befindet sich eine Gedenktafel, die unter anderem folgenden Text enthält: “Durch seine Güte und Hilfeleistung wurde ihm der Ehrentitel Engel der Gefangenen zuerkannt.”

Symbolische Erinnerungsorte

Publizistisches Großwerk:
“Verfolgung, Widerstand und Freiheitskampf in Hernals”

Peter Ulrich Lehner setzte im Jahr 2014 mit seinem 700-seitigen Buch “Verfolgung, Widerstand und Freiheitskampf in Hernals” lokalhistorische Maßstäbe und verewigte darin in akribischer Kleinarbeit rund 1.900 Biografien – viele Namen konnten so vor dem Vergessenwerden gerettet werden. Ergänzend dokumentiert das Buch Ereignisse, Orte, Vereine und nach Verfolgten benannte Verkehrsflächen und wird damit zu einem Handbuch der Hernalser Zeitgeschichte.