Jakob Viehauser war der erste sozialdemokratische Bürgermeister im Land Salzburg

Jakob Viehauser: Sozialdemokratischer Bürgermeister der 1. Stunde

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts veränderten tiefgreifende Umwälzungen die Lebensbedingungen in den ländlichen Regionen der Habsburgermonarchie: Neue Verkehrswege – insbesondere durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes – sowie der fortschreitende industrielle Wandel führten nicht nur zu wirtschaftlicher Dynamik, sondern brachten auch soziale Spannungen mit sich. Traditionelle Lebens- und Arbeitsverhältnisse gerieten zunehmend unter Druck. Gleichzeitig stießen neue politische Ideen auf Widerstand und Verunsicherung, trafen aber auch auf Neugier und Aufbruchsstimmung. Besonders in den Dörfern und Kleinstädten zeichnete sich ein vielschichtiger Transformationsprozess ab, der bestehende gesellschaftliche Strukturen aufbrach und tiefgreifend in die soziale Ordnung eingriff.

Ein früher Ausdruck sozialdemokratischer Präsenz im ländlichen Raum manifestierte sich im Fall von Jakob Viehauser: Bereits im Jahr 1903 gelang es ihm, in der Gemeinde Dienten am Hochkönig das Bürgermeisteramt für die Sozialdemokratie zu erringen – ein außergewöhnlicher Vorgang, denn bis 1918 blieb er der einzige sozialdemokratische Gemeindevorsteher im Land Salzburg. Als Sohn eines Kleinbauern hatte Viehauser bereits Ende des 19. Jahrhunderts begonnen, die Bergarbeiter am nahe gelegenen Mühlbacher Mitterberg politisch zu organisieren, und zählte zu den frühesten Vertrauenspersonen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) in der Region. Gemeinsam mit seinen Brüdern konnte er während der Monarchie erste knappe Mehrheiten für die Sozialdemokratie erringen.

Bergbaugeschichte Mühlbach am Hochkönig [Fotoarchiv]

Sein früher Erfolg machte ihn rasch zur Zielscheibe politischer Gegner:innen, die in den Folgejahren nichts unversucht ließen, um gegen den Sozialdemokraten zu agitieren. “Der rote Jakob”, wie er genannt wurde, blieb dennoch bis 1913 im Amt und übernahm später nochmals das Bürgermeisteramt (1926–1928).

Der lange Weg zur politischen Teilhabe

Jakob Viehauser beschränkte sein politisches Engagement nicht auf die Gemeindeebene. Bereits bei der Reichsratswahl 1907 kandidierte er im Wahlbezirk Gastein und Zell am See und erzielte mit 846 Stimmen ein beachtliches Ergebnis. Gegen Viktor Freiherr von Fuchs, den ehemaligen Präsidenten des Abgeordnetenhauses und Vertreter der im ländlichen Raum stark verankerten Christlichsozialen Partei (CS), unterlag er jedoch deutlich.

Nach der Reichsratswahl von 1907 war die SDAP zur zweitstärksten Gruppe im Abgeordnetenhaus aufgestiegen (Foto: Neunherz).

Zwei Jahre später stellte sich Viehauser bei der letzten Landtagswahl der Monarchie erneut zur Wahl. Die Sozialdemokrat:innen organisierten in Vorbereitung darauf große Kundgebungen in Salzburg, Hallein, Zell am See, Schwarzach und Hofgastein, um ein neues, demokratischeres Wahlrecht für den Salzburger Landtag einzufordern.

Sein erstes überregionales Mandat errang Jakob Viehauser schließlich bei der Landtagswahl 1919. Die SDAP erreichte knapp 30 Prozent der Stimmen und zog mit zwölf Abgeordneten in das Salzburger Landesparlament ein. Mitte September 1922 wurde Viehauser in den Nationalrat gesandt und hielt dort vielbeachtete Reden über landwirtschaftliche Fragen. Dabei trat er konsequent für “Kleinbauern” und den Abbau der Privilegien der “Großbauern” ein und wurde vom politischen Gegner der “Kleinbauerndemagogie” beschuldigt, insbesondere im Wahlkampf 1923.

Ein Unbeugsamer am Land gegen “Das war schon immer so!”

Jakob Viehauser war einer der ersten Kämpfer für die Rechte arbeitender Menschen in Salzburg und trat mit anderen Bergarbeitern bereits 1897 der SDAP bei. Er agierte bereits zu einer Zeit, als der habsburgerische Behördenapparat Arbeitskämpfe gewalttätig unterdrückte und erkämpfte Rechte willkürlich einschränkte.

Viehauser wandte sich nach seiner Entlassung aufgrund seines gewerkschaftlichen Engagements der Landwirtschaft zu und arbeitete fortan als Pächter und Bergbauer. Die harten und teils lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen hielten ihn nicht davon ab, sich weiterhin politisch und gewerkschaftlich zu engagieren. Sein Mut sollte sich bezahlt machen: Für lange Zeit war er der einzige sozialdemokratische Gemeindevorsteher (Bürgermeister) im Land Salzburg.

Dienten am Hochkönig
Dienten ist heute ein bekannter und beliebter Tourismusort im Land Salzburg (Foto: Neunherz). 

Auch wenn Jakob Viehausers politische Funktionen auf Landes- und Bundesebene nur von kurzer Dauer waren, so kann seine Leistung auf Gemeindeebene nicht hoch genug eingeschätzt werden. In Salzburg gelang es erst eineinhalb Jahrzehnte später, einen zweiten roten Bürgermeistersessel in Schwarzach zu erobern. Ein anderer kommunalpolitischer Vorreiter, Alois Ausobsky, wurde etwa 1914 in Graz zum ersten sozialdemokratischen Vizebürgermeister einer Großstadt gewählt.

Das Beispiel Jakob Viehauser illustriert, wie die Sozialdemokratie schon vor 1918 punktuell Einfluss auf lokale Verwaltungen nehmen konnte, bemerkenswerterweise auch in ländlich-konservativ geprägten Gebieten. Gemeinsam mit weiteren Vertrauensmännern der Partei wurden so erste rote Stützpunkte am Land aufgebaut und in der Ersten Republik strukturell gefestigt. Am Beginn der Zweiten Republik konnte die SPÖ-Wähler:innenbindung durch die bereits geleistete Gemeindearbeit fortgesetzt und ausgebaut werden – im Bundesland Salzburg gab es im Jahr 1949 bereits 140 Lokalorganisationen (Sektionen) in 103 von 114 Gemeinden.


Kurzbiografie

  • geboren: 22. Jänner 1869 in Dienten am Hochkönig
  • gestorben: 14. Dezember 1950 in Dienten am Hochkönig
  • Beruf: Berg-, Holz- und Landarbeiter, Nebenerwerbsbauer (Verwaltergut), selbständiger Frächter;
  • Politische Ämter: Gemeinderat von Dienten (1903 bis 1931), Bürgermeister von Dienten (1903 bis 1913 und 1926 bis 1928), Landtagsabgeordneter (1919 bis 1922) und Nationalrat (1922 bis 1923);
  • Parteifunktionen: 1897 Beitritt zur SDAP, Mitbegründer des Sozialdemokratischen Vereines im Bezirk Zell am See (Pinzgau), Obmann-Stellvertreter des Sozialdemokratischen Vereines Pinzgau (ab 1913) sowie erster sozialdemokratischer Bürgermeister (Gemeindevorsteher) Salzburgs; [B]

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Titelbild: Kaut, Josef (1982). Der steinige Weg. Geschichte der sozialistischen Arbeiterbewegung im Lande Salzburg, Graphia Druck- und Verlagsanstalt, Salzburg.