Die Geschichte der frühen Angestelltenbewegung in Österreich

Die Pionier:innen der Gewerkschaftsbewegung waren Ende des 19. Jahrhunderts einem ständigen Spannungsverhältnis zwischen den rechtlichen Grundlagen ihres Engagements und der behördlichen Praxis ausgesetzt. Zwar schufen gesetzliche Meilensteine wie das Vereinsrecht von 1867 und das Koalitionsrecht von 1870 rechtliche Voraussetzungen, doch wurden diese Rechte von staatlichen Behörden häufig nur widerwillig anerkannt und durch willkürliche Eingriffe eingeschränkt.

Das Vereinsrecht ermöglichte zwar die Gründung von Arbeiterbildungsvereinen, gewerkschaftliche und politische Betätigung blieb jedoch verboten. Fachsektionen innerhalb der Vereine sollten das bestehende Koalitionsverbot umgehen und gewerkschaftliche Funktionen – insbesondere die Organisation von Lohn- und Arbeits-kämpfen – auf rechtlich zulässiger Grundlage ermöglichen. Mit der Aufhebung des Koalitionsverbots konnten schließlich Gewerkschaftsvereine auf Ortsebene gegründet werden. Verfolgungen und Vereinsauflösungen blieben jedoch an der Tagesordnung – insbesondere bei politisch exponierten Vereinen und im Zusammenhang mit Streiks.

In den 1880er Jahren lagen die Löhne der Angestellten weit unter den ohnehin niedrigen Einkommen der manuell Arbeitenden. Hilfs- und Privatbeamte hatten laut Daten der Gremialkrankenkasse eine durchschnittliche Lebenserwartung von 35 bis 37 Jahren. Büroangestellte erhielten ihren Lohn teilweise sogar in Form von Naturalien. Pioniere wie Karl Pick und Friedrich Austerlitz versuchten mit Flugblättern, Appellen und zahllosen Redebeiträgen politisch aufzurütteln. An Themen mangelte es nicht: Handlungsgehilfen hatten mit 16- bis 17-stündigen Arbeitstagen, fehlender Sonntagsruhe, einer unzumutbaren Gewerbeordnung und der Willkür der Vorgesetzten zu kämpfen.

Eine Gewerkschaft der kaufmännischen Angestellten

Bis Ende der 1880er Jahre schritt die Entwicklung im Handel rasant voran. Kaufleute begannen sich zunehmend zu spezialisieren, gleichzeitig entstanden große Warenhäuser. Erste Vereinigungen, denen sich Handlungsgehilfen anschließen konnten, wurden von „den Herren Chefs“ initiiert und damit auch kontrolliert. Eine der angesehensten war der Wiener Kaufmännische Verein. Der Verein bot seinen Mitgliedern Vorträge und gab die Zeitschrift Der junge Kaufmann heraus. Sozialpolitische Fragen wurden aber nicht vertieft. Die damaligen Gewerkschaftspionier:innen kritisierten die dort vorherrschende „Harmonieduselei“. Kam es dennoch einmal zu Aufmüpfigkeiten, wurden sie mithilfe einseitiger Statutenauslegungen im Keim erstickt.

Als im Frühjahr 1885 eine konsolidierte Gewerbeordnung in Kraft trat, politisierte dies die Handlungsgehilfen. Während Industriearbeiter:innen eine Sonntagsruhe zugestanden wurde, mussten die Wiener Handlungsgehilfen sonntags bis 12 Uhr mittags arbeiten; im Lebensmittelhandel waren die Geschäfte noch deutlich länger geöffnet. Die sonntäglichen Öffnungszeiten wurden von den Landesbehörden per Verordnung festgelegt. Im Herbst kam es daher in der Volkshalle des Neuen Rathauses zu einer freien Protestversammlung der Angestellten Wiens.

In der Folge verschärften sich die Spannungen und Spaltungstendenzen im Wiener Kaufmännischen Verein. Zunächst trat eine Gruppe oppositioneller Handlungsgehilfen aus und gründete unter der Führung von Julius Axmann den Verein Österreichischer Handelsangestellter, die Keimzelle des späteren Zentralverbandes der christlichen Angestellten.

Eine zweite Gruppe, die der sozialdemokratischen Bewegung nahestand und vom jungen kaufmännischen Angestellten Friedrich Austerlitz geführt wurde, verblieb zunächst noch im Wiener Kaufmännischen Verein und verfolgte die Absicht, die Organisation von innen heraus zu erobern. Zur Jahresmitte 1891 musste man sich jedoch eingestehen, dass dieser Plan erfolglos geblieben war.

Im Sommer 1891 wurde schließlich ein Komitee beauftragt, die Gründung eines eigenen „proletarischen Vereins“ vorzubereiten. Das ehemalige Hotel Rabl, später Hotel Post am Fleischmarkt, wurde zum Schauplatz mehrerer Sitzungen, bei denen die Vereinsstatuten ausgearbeitet, diskutiert und schließlich angenommen wurden. Mitte November 1891 wurden die Statuten der Vereinsbehörde vorgelegt und genehmigt. Am 14. Jänner 1892 fand im Katharinensaal des Hotels die konstituierende Versammlung statt.

Der Weg dorthin war mühsam: Namens- und Adresslisten mussten zusammengestellt, Einladungen anschließend von Hand verteilt werden. Der deutschliberale Abgeordnete Bendl beschwor die Anwesenden vor Ort, in den gemeinsamen Verein mit den Unternehmer:innen zurückzukehren und verkannte damit die Freiheitsbestrebungen der neuen Bewegung. Die ersten organisierten Angestellten mussten jedoch mit harten Disziplinierungen, Maßregelungen, Gehaltseinbußen und sogar Entlassungen rechnen. Auch Familienmitglieder wurden eingeschüchtert. Verhindern konnten die Sanktionen den weiteren Ausbau der Organisation jedoch nicht.

Organisatorischer Aufbau unter schwierigen Bedingungen

Kurz darauf wurde in der Schönlaterngasse das erste Vereinslokal angemietet. Es handelte sich um eine Wohnung mit vier kleinen Räumen, die mit wenigen, günstig erworbenen Möbelstücken spärlich eingerichtet wurde. Die Geschäftsstelle war jeden Abend mit zwei Personen besetzt. Sie erledigten Kanzleigeschäfte und Korrespondenzen, nahmen Mitglieder auf, kassierten Beiträge, erteilten Rechtsauskünfte und betreuten die kleine Bibliothek.

Die Mitgliedsbeiträge von monatlich 20 Kreuzern reichten aber nicht aus, um die laufenden Kosten zu decken. Finanzkräftigere Mitglieder mussten deshalb häufig die fehlenden Beträge aufbringen. Die finanzielle Not hatte weitreichende Folgen: Aufwendigere Maßnahmen zur Mitgliederwerbung mussten zurückgestellt werden, ebenso die geplante Herausgabe eines Fachblatts. Selbst die Bibliothek konnte zunächst nur durch Bücherspenden der Mitglieder aufgebaut werden. Die Vereinsräume blieben zudem häufig ungeheizt.

Anfang August 1892 konnte schließlich das Fachblatt Der Handlungsgehilfe erstmals monatlich erscheinen. Die Freude darüber währte jedoch nur kurz: Aus Geldmangel musste die Publikation bereits nach zehn Monaten wieder eingestellt werden. Erst 1896 war es wieder so weit – Der Handlungsgehilfe erschien erneut.

Noch im Gründungsjahr 1892 stand der junge Verein vor seiner ersten Bewährungsprobe. Bei der Neuwahl des Gehilfenausschusses des Wiener Kaufmännischen Gremiums erhielt die Liste des Vereins Kaufmännischer Angestellter doppelt so viele Stimmen wie der Verein Mitglieder hatte. Das Ergebnis war ein deutliches Signal und zugleich eine Ermutigung für jene, die noch zögerten, sich der neuen Gewerkschaft anzuschließen.

Am 18. Oktober 1896 fand in Mariahilf eine Versammlung für Handlungsgehilfinnen statt, bei der Adelheid Popp über die soziale Lage der weiblichen Angestellten sprach. Dabei sollten gezielt Frauen für die gewerkschaftliche Bewegung angesprochen werden.

Im Frühjahr 1898 beteiligten sich dann auch zahlreiche Frauen an der Wahl zum kaufmännischen Gehilfenausschuss, der erstmals vom Verein Kaufmännischer Angestellter gewonnen werden konnte. Dennoch traten nur wenige der rund 3.000 Wiener Handlungsgehilfinnen dem Verein bei. Daher wurde im Frühjahr 1899 eine eigene Frauensektion gegründet, die rasch eine bessere Beteiligung mit sich brachte. Vereinsabende wurden immer mittwochs am Wildpretmarkt 3 abgehalten.

Zu den wichtigsten Pionierinnen dieser Zeit zählte Therese Schlesinger, die sich ebenfalls für die gewerkschaftliche Organisierung von weiblichen kaufmännischen Angestellten engagierte und als Frauenrechtlerin bis heute große Bedeutung besitzt.

Die Gewerkschaftskommission, die Dachorganisation der Gewerkschaften der Arbeiter:innen, verzeichnete im Jahr 1900 insgesamt rund 600 kaufmännische Angestellte als Mitglieder, die in insgesamt fünf Vereinen organisiert waren. 1902 waren es bereits 3.007 Handelsangestellte, darunter 98 Frauen. Im März 1895 übernahm Karl Pick die Führung des Vereins Kaufmännischer Angestellter. Mit ihm begann eine intensive Phase der Mitgliederwerbung. Durch seine Tatkraft und sein großes organisatorisches Geschick prägte Pick die Entwicklung der jungen Organisation in ihren Anfangsjahren wie kaum ein zweiter.

Textauszug: Neunherz, Alexander (2026). Die Geschichte der frühen Angestelltenbewegung in Österreich – von ihren Anfängen bis zu Widerstand und Verfolgung. Begleitbroschüre zum gewerkschaftlichen Stadtrundgang, Gewerkschaft GPA, Wien, S. 8–14.
Titelbild/Neunherz: Zum 100-jährigen Jubiläum erinnert seit 1992 eine Gedenktafel am heutigen Hotel Post an die Gründungsversammlung von 1892.

Literatur:
Arbeiterinnen-Zeitung (1896). Versammlungsberichte, Ausgabe vom 5. November
1896, S. 5.
Arbeiterinnen-Zeitung (1899). Versammlungsberichte, Ausgabe vom 18. Mai 1899, S. 6.
Bermann, Julius (1932). Die freigewerkschaftliche Angestelltenbewegung in Österreich. Gründung, Entwicklung und Erfolge des Zentralvereines der Kaufmännischen
Angestellten Österreichs 1892–1932, Druck- und Verlagsanstalt Vorwärts, Wien.
Göhring, Walter (1992). Um Freiheit und Mitbestimmung 1892–1992. Die österreichischen Angestellten und ihre Gewerkschaften, Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Wien.