Die Anfänge der Sozialdemokratie im Pinzgau

Um 1900 gehörte das Kronland Salzburg zu den wirtschaftlich am wenigsten industrialisierten Regionen der Monarchie. Als politische und kulturelle Zentren galten lediglich die Städte Salzburg und Hallein. Der überwiegende Teil des Landes, darunter der Pinzgau, war stark von agrarischen Strukturen geprägt. Unter solchen Bedingungen, die über Jahrzehnte hinweg kaum von industrieller Entwicklung beeinflusst wurden, gestaltete sich die Entstehung eines revolutionären Proletariats äußerst schwierig. [1]

Erste Organisationsstrukturen

In den frühen 1880er‑Jahren entstanden zwar erste Organisationen der Arbeiter:innenbewegung, deren Mitgliederzahlen jedoch gering blieben. So vereinten Bildungs‑, Berufs‑ und Gesangsvereine im Jahr 1889 insgesamt nur knapp über hundert Mitglieder im gesamten Kronland. In der Habsburgermonarchie blieb politische Teilhabe streng begrenzt und an Besitz sowie Geschlecht gebunden. Frauen waren grundsätzlich vom Wahlrecht und politischer Betätigung ausgeschlossen und durften weder wählen noch in Vereinen mit politischem Charakter mitwirken.

Diese restriktiven politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erschwerten zunächst eine breitere Mobilisierung erheblich. Im weiteren Verlauf wurden aber Strukturen gefestigt, die es über die Ballungszentren hinaus ermöglichten, die ländliche Bevölkerung in Salzburg für die Sozialdemokratie zu gewinnen. Zu Beginn der 1890er‑Jahre entstanden so fünf Organisationsbezirke, in deren Zentrum Arbeiterbildungsvereine standen – wie etwa jener in Saalfelden im Jahr 1892[2]. Noch vor 1900 gelang es dadurch, die Parteiorganisation zu festigen. [3]

Eine wichtige Rolle spielte dabei die vergleichsweise kleine, aber dennoch bedeutende (Bergbau-)Industrie Salzburgs. Wie Josef Kaut in Der steinige Weg festhielt, entstanden Arbeiter:innenorganisationen in der Regel dort früher, wo sich größere Gruppen entsprechender Arbeitskräfte konzentrierten.

Kupferbergwerk Mühlbach.

Aluminiumfabrik in Lend, ca. 1904.

In Lend wurde etwa eine Goldwäscherei und Schmelzhütte nach ihrer Stilllegung durch eine Asbestfabrik ersetzt, die auf lokale Rohstoffvorkommen zurückgriff. An diesem Standort entstand 1898 durch die schweizerische AIAG eine dritte europäische Aluminiumhütte, die später als SAG Lend bekannt wurde. [4]

Maiaufmarsch in Lend

Am Beispiel von Lend zeigte sich auch, dass selbst kleinste Ansätze politischer Mobilisierung auf erhebliche Widerstände stießen. Dies wurde bei den ersten Versuchen deutlich, den 1. Mai als Kampftag der Arbeiter:innenbewegung zu begehen. Im Jahr 1890 fiel eine derartige Demonstration äußerst bescheiden aus: Neben dem Schuhmacher Franz Brutar wagten es nur fünf weitere Genossen, öffentlich aufzutreten, und improvisierten ihre Symbolik mit einfachsten Mitteln. Die Behörden reagierten mit drastischen Sanktionen.

Im darauffolgenden Jahr fand sich niemand, der mit Franz Brutar durch Lend marschieren wollte. Erst 1892 gelang es wieder, mehrere Unterstützer zu gewinnen. Staatliche Repressionen blieben aber ein ständiger Begleiter – sie reichten von disziplinarischen Maßnahmen bis hin zu Arbeitsplatzverlusten und verdeutlichten die schwierigen Bedingungen, unter denen sich die Arbeiter:innenbewegung im Pinzgau etablieren musste.

Eisenbahn als Türöffner

Gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben, blieb somit ein schwieriges Unterfangen – allerdings trug der Ausbau des Eisenbahnnetzes entscheidend dazu bei. Zwischen 1867 und 1905 wuchs das österreichische Streckennetz von etwa 4.000 auf über 12.000 Kilometer. [5]

Ein anschauliches Beispiel bot Saalfelden: Die frühen sozialdemokratischen Erfolge vor Ort standen in engem Zusammenhang mit der Bedeutung der Gemeinde als Eisenbahnknotenpunkt. Viele der dortigen Tätigkeiten – etwa im Fahrdienst, in Heizhäusern oder in der Instandhaltung – wurden von Menschen aus dem bäuerlichen Milieu übernommen, wie der spätere Bürgermeister von Saalfelden Karl Reinthaler in einem Zeitzeugeninterview ausführte. Für diese besitzlose Unterschicht bedeutete der Wechsel in den Eisenbahndienst einen sozialen Aufstieg, was ihre Bindung an die sozialdemokratische Bewegung stärkte. [6]

Bahnarbeiter, ca. 1905.

Dazu gehörten etwa Dienstboten (Knechte und Mägde), Tagelöhner oder auch Deputatisten. Diese Gruppen waren auf prekäre Lohnarbeit angewiesen, verfügten über keinen eigenen Grundbesitz und waren teilweise als Wanderarbeiter tätig. Die strenge Hierarchie an den Bauernhöfen sowie die religiös verankerten Normen des bäuerlichen Standes verunmöglichten dort das Entstehen eines eigenen Klassenbewusstseins – ein solches fanden sie erst in der aufstrebenden Arbeiter:innenbewegung. [7]

Pioniere gegen die Schwerkraft der Verhältnisse

Für die Verankerung der Sozialdemokratie auf dem Land waren die ersten „Vertrauensmänner“ (Funktionäre) der Partei von großer Bedeutung. Sie engagierten sich unter schwierigsten Bedingungen und mussten persönliche Nachteile in Kauf nehmen. Ein Beispiel ist Jakob Viehauser, der bereits 1903 in der Pinzgauer Gemeinde Dienten am Hochkönig zum Bürgermeister gewählt wurde. Trotz anhaltender politischer Angriffe blieb er bis 1913 im Amt und übernahm später erneut diese Funktion.

Daneben hatte Anton Losert, ein landwirtschaftlicher Wanderlehrer, in den 1890er Jahren für kurze Zeit einen großen Einfluss auf die politische Mobilisierung der Arbeiter:innenbewegung. Redebegabt und mit seiner Broschüre „Grundherr oder Bauer?“ ausgestattet, propagierte er die Verstaatlichung von Grund und Boden und eroberte die Wirtshaussäle in ganz Salzburg. Wo immer Losert auftauchte, mobilisierten weltliche und geistliche Würdenträger gegen ihn, wie etwa in Dienten oder Taxenbach. [8]

Feindseligkeiten wie diese standen ohnehin auf der Tagesordnung. Als etwa der Salzburger Parteisekretär Jakob Prähauser im Juni 1899 in Taxenbach eine Versammlung abhalten wollte, wurden die Wirte vom dortigen konservativ‑katholischen Lager massiv unter Druck gesetzt und mit Boykott bedroht, sollten die Sozialdemokrat:innen Einlass erhalten. Auch die Gemeindevorstehung versuchte mit juristischen Mitteln, die Versammlung zu untersagen. Die Auseinandersetzung fachte jedoch das allgemeine Interesse derart an, dass der Saal überfüllt war und die Zuhörenden sich bis auf die Straße hinausdrängten. [9]

Streiks und Sabotage

Aus dieser Zeit sind auch zahlreiche Arbeitskonflikte im Pinzgau dokumentiert. Besonders erwähnenswert ist dabei der „Massenauszug der Arbeiter aus Lend“. Nach jahrelangen Spannungen mit der Betriebsleitung setzten im Sommer 1905 rund 180 Arbeiter:innen ein deutliches Zeichen und legten gemeinsam ihre Arbeit nieder. Vor allem die willkürlichen Entlassungen gewerkschaftlicher „Vertrauensmänner“ provozierten den Zorn der Belegschaft. [10]

Neben größeren Konflikten kam es auch zu böswilligen Schikanen. Als in Saalfelden im Juni 1900 ein Arbeiter:innenfest stattfand, musste die Veranstaltung ohne Musik auskommen. Die ortsansässige Veteranenmusik nahm ihre Zusage nach Drängen des Dechants wieder zurück und die musikalische Ersatzlösung aus Bischofshofen konnte ebenfalls nicht erscheinen, da es zu einer vorläufigen Aufhebung (Sistierung) der Sonntagsruhe kam. [11]

Gekommen, um zu bleiben

Trotz aller Hürden und Hindernisse konnte man ein Jahrzehnt nach dem Gründungsparteitag in Hainfeld auf eine organisatorische Grundstruktur im Bezirk verweisen. Im Herbst 1899 wurde etwa auf einer Bezirkskonferenz im Saalfeldener Simonwirt berichtet, dass vier Ortsgruppen und eine Zahlstelle mit insgesamt 305 Mitgliedern bestanden. Zugleich wurde betont, welch schwerer Kampf die Gewinnung neuer Sozialdemokrat:innen im Pinzgau sei, wo doch kaum industrielles Proletariat anzutreffen war. [12]

Um die Jahrhundertwende gab es im gesamten Pinzgau kaum noch einen Ort, in dem die sozialdemokratische Bewegung mit Versammlungen und Veranstaltungen nicht präsent war. So wurde etwa eine Versammlung in Rauris im Jänner 1900 mit folgenden Worten geschlossen: „Es ist heute das erstemal, dass Socialdemokraten zu Ihnen sprechen, es ist aber ganz sicher nicht das letztemal[13].“ Wenige Monate später brachten die Bezirke Pinzgau, Pongau und Hallein erfolgreich einen Antrag an die Salzburger Wahlkreiskonferenz ein, um „zur Förderung der Agitation in der Provinz eine unabhängige Kraft“ für den Ausbau der Organisation anstellen zu können. [14]

Das früheste Beispiel sozialdemokratischer Verankerung im Bezirk Zell am See zeigte sich am bereits erwähnten Jakob Viehauser: Ihm gelang es in der habsburgischen Doppelmonarchie, das Amt des Gemeindevorstehers zu erringen – ein bemerkenswerter Erfolg, da er bis 1918 der einzige sozialdemokratische Bürgermeister im Land Salzburg blieb.
Viehauser, der aus einer kleinbäuerlichen Familie stammte, begann schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts damit, die Bergarbeiter am Mühlbacher Mitterberg politisch zu organisieren und gehörte zu den ersten sozialdemokratischen Vertrauensmännern in der Region. Gemeinsam mit seinen Brüdern gelang es ihm, erste knappe Mehrheiten für die Pinzgauer Sozialdemokratie zu erzielen.

Parteistrukturen verfestigen sich

Weitere Mehrheiten konnten zu Beginn der Ersten Republik errungen werden. Im Jahr 1919 setzten sich im Pinzgau mit Franz Brutar in Lend, Karl Größing (Bergarbeiter) in Mühlbach am Hochkönig, Josef Riedler (Lehrer) in Saalfelden und Anton Werber (Lokomotivführer) in Zell am See bereits mehrere sozialdemokratische Bürgermeisterkandidaten durch.

Portrait von Jakob Viehauser, Pionier der Pinzgauer Sozialdemokratie.

Stilisierte Darstellung in der Salzburger Wacht, angelehnt an Franz Brutar.

Die genannten Beispiele verdeutlichen, wie die Sozialdemokratie in der Habsburgermonarchie erste rote Stützpunkte im Pinzgau aufbauen konnte, die in der Ersten Republik strukturell gefestigt wurden. Zahlreiche Pionier:innen legten mit ihrer beharrlichen Arbeit – Erfolge und Rückschläge inbegriffen – den Grundstein für spätere Wahlerfolge der SPÖ in den Pinzgauer Gemeinden. Einige von ihnen – wie Josef Grani oder Simon Abram – sind heute noch bekannt, viele weitere sind jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten. Genannt seien hier stellvertretend Georg Koller (Taxenbach), Richard Herzog und Alois Keil (beide Saalfelden).

Titelfoto: 1. Mai in Saalfelden, 1902.
Bildrechte: Bauer, Ingrid (1988). 100 Jahre Sozialdemokratie.
Von der alten Solidarität zur neuen sozialen Frage, Europaverlag, Wien (3); Privat (2); Kaut, Josef (1982). Der steinige Weg. Geschichte der sozialistischen Bewegung im Lande Salzburg, Graphia Druck- und Verlagsanstalt, Salzburg (1);

Quellen:

[1] Vgl. Salzburger Wacht (1909). Zehn Jahre Kampf, 1. Juli 1909, S. 1 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[2] Vgl. Hölzl, Ferdinand (1983). Pinzgauer Parteienchronik. Band 1: Die Sozial-
demokraten und Gewerkschaften, Eigenverlag, Zell am See, S. 35.
[3] Vgl. Kaut, Josef (1982). Der steinige Weg. Geschichte der sozialistischen Bewegung im Lande Salzburg, Graphia Druck- und Verlagsanstalt, Salzburg, S. 41ff.
[4] Ebd., S. 37f.
[5] Vgl. Gewerkschaft der Eisenbahner (1992). 100 Jahre Gewerkschaft der Eisenbahner, Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Wien, S. 64ff.
[6] Vgl. Thaler, Walter (1999). Stark betroffen. Wenig beachtet. Sozialdemokratie in Salzburger Gemeinden. Gespräche mit Salzburger Bürgermeistern, Graphia, Salzburg, S. 178.
[7] Vgl. Schneeberger, Franziska (1989). „Der Druck kumt von oben…“, in: Kreussing, Kurt (Hg.): Die Roten am Land. Arbeitsleben und Arbeiterbewegung im westlichen Österreich, Museum industrielle Arbeitswelt, Steyr, S. 76.
[8] Vgl. Haas, Hanns (1989). Schubkraft der Utopien, Schwerkraft der Verhältnisse, in: Kreussing, Kurt (Hg.): Die Roten am Land. Arbeitsleben und Arbeiterbewegung im westlichen Österreich, Museum industrielle Arbeitswelt, Steyr, S. 30.
[9] Vgl. Salzburger Wacht (1899). Provinznachrichten, 23. Juni 1899, S. 3 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[10] Vgl. Salzburger Wacht (1905). Der Massenauszug der Arbeiter aus Lend, 14. Juli 1905, S. 5. (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[11] Vgl. Salzburger Wacht (1900). Saalfelden, 22. Juni 1900, S. 3 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[12] Vgl. Salzburger Wacht (1899). Aus der Provinz, 6. Oktober 1899, S. 3 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[13] Salzburger Wacht (1900). Aus der Provinz, 12. Jänner 1900, S. 4 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[14] Vgl. Salzburger Wacht (1900). Wahlkreisconferenz für Salzburg, 4. Mai 1900, S. 1 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).