(in Bearbeitung)
Der Parteitag von 1900 in Graz
Der Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie startete am 2. September 1900 in Graz und dauerte insgesamt fünf Tage. 106 Delegierte waren anwesend, darunter fünf Genossinnen. Die Tagesordnung umfasste neun Punkte, darunter die Landagitation an achter Stelle. Wilhelm Ellenbogen, der später als langjähriger Reichsrats- und Nationalratsabgeordneter Bekanntheit erlangen sollte, hielt zum Thema das Hauptreferat.
Besonders intensiv wurde darüber diskutiert, wie Landarbeiter organisiert werden könnten. Berichterstatter Wilhelm Ellenbogen hielt dazu fest, dass bisherige Versuche in England scheiterten, lediglich in Italien und Ungarn konnten erste bescheidene Organisationsstrukturen aufgebaut werden. Es erschien daher ratsam, die Landagitation auf andere Zielgruppen auszuweiten:
“Aus alledem ergibt sich, daß ein Erfolg nur dort erzielt wurde, wo sich die Partei nicht allein auf den Landarbeiter beschränkt hat, sondern die Agitation auch auf die kleinen Bauern, Häusler, ganz kleine Besitzer ausdehnte. […] Es sind fünfeinhalb Millionen Menschen, um die es sich hier handelt, die wir nicht rechts liegen lassen können, und wo genug Elend, genug Trübsal vorhanden ist, dessen sich die Sozialdemokratie annehmen muß.” [01]
Schlussendlich wurde eine Resolution verabschiedet, welche die ersten Grundsätze der sozialdemokratischen Landagitation beinhaltete. Wichtige Eckpunkte waren dabei “praktische landwirtschaftliche Reformen”, wie etwa der Ausbau des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens oder eine staatliche Kranken-, Unfall-, Invaliditäts- und Altersversicherung für Landarbeiter. Darüber hinaus wurde beschrieben, was eine sozialdemokratische Landagitation zu leisten im Stande sein musste:
“Sie muß ferner vor allem die Beseitigung all der geistigen und politischen Schutzwehren des ländlichen Konservatismus anstreben, also die Erweiterung der Schulbildung, die Uebernahme der Schullasten durch den Staat, die Erkämpfung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes und die Aufklärung der Landbevölkerung durch Zeitungen, Broschüren, landwirtschaftliche Kalender und dergleichen energisch betreiben […]. Da die kleinen Landgemeinden vorzügliche Ausgangspunkte für die Landagitation sind, soll der provinziellen Kommunalpolitik ein sorgsames Augenmerk zugewendet werden.” [02]
Demnach war die Landagitation zunächst eine organisatorische Frage, die je nach Möglichkeit unterschiedlich gelöst wurde. So beschloss etwa der Verbandstag der Taschner, Sattler und Riemer Österreichs, die Landagitation durch reisende Kollegen mit Werbematerial durchzuführen. Darüber hinaus fand jährlich eine große Agitationstour statt, welche von der Zentrale aus organisiert wurde. Ansonsten wurden Agitationen von der jeweiligen Landeshauptstadt oder einer nahen Industriestadt aus betrieben. [03]
Titelbild: 1. Mai 1899
Quellen:
[01] Arbeiter-Zeitung (1900). Der Parteitag in Graz. Landagitation, 5. September 1900, S. 4 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[02] ebd.
[03] Arbeiter-Zeitung (1907). Sozialpolitik. Der Verbandstag der Taschner, Sattler und Riemer Oesterreichs, 23. Mai 1907, S. 8 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
