Sozialdemokratische Landagitation 2: Die roten Kleinbauern formieren sich

(in Bearbeitung)

“Lügen und Unsittlichkeit”: Der Widerstand wächst

Die Bestrebungen der Sozialdemokratie im ländlichen Raum stießen freilich auf erbitternden Widerstand – der Begriff der “roten Hetzer” machte die Runde. Hermann Köhler veröffentliche 1903 etwa die Streitschrift Landwirtschaft und Sozialdemokratie in sittlicher Beleuchtung. Ein Beitrag zur Abwehr sozialdemokratischer Landagitation.

Dabei ereigneten sich immer wieder kuriose Fälle, wie folgendes Beispiel verdeutlicht: Vier Sozialdemokraten wollten in Stiwoll (westlich von Graz) eine Wählerversammlung abhalten und staunten nicht schlecht, als sie vor dem gut besuchten Gasthaus ankamen. An der Tür befand sich eine Art amtlicher Anschlag, der die Versammlung aufgrund “der im Ort grassierenden Scharlachepidemie” verbot. Die Genoss:innen hielten sich pflichtbewusst an die Anweisung und setzten sich lediglich als Gäste in die überfüllte Gaststube und diskutierten anschließend mit den anwesenden Bauern über die “Leidensgeschichte des gegenwärtigen Volkes”. [1]

Ein Verband aus Kleinbauern, Weinbautreibenden und Kleinpächtern

Ein Meilenstein für die weitere Landagitation ereignete sich am 17. März 1923 in Wien: Innerhalb des österreichischen Land- und Forstarbeiterverbandes wurde eine eigene Sektion der Kleinbauern, Weinbautreibenden und Kleinpächter” gegründet – mit dem Weinhauer Alois Mentasti aus Sooß bei Baden an ihrer Spitze. Die neue Vereinigung hatte es sich zum Ziel erklärt, gegen “Bedrückung und Landarmut” vorgehen zu wollen.

“Mehr denn je gilt es der Frage der Erweckung des Landvolkes näher zu treten, wenn auch manchen in unseren Reihen die nötige Spannkraft fehlt, welche glauben, daß die Landagitation eine zu langwierige, unscheinbare sei. Solche Gedanken müssen und werden durch die Tat der Gegenwartskunde eines Besseren belehrt […].” [2]

Am 6. September 1923 veröffentlichte der sozialdemokratische Parteivorstand zur bevorstehenden Nationalratswahl am 21. Oktober wichtige Verhaltensregeln für die eigenen Funktionär:innen. Nachdem die sozialdemokratische Landagitation in der Vergangenheit immer wieder vom politischen Mitbewerber gestört oder gar verhindert wurde, kam es nun im Wahlkampf zu einer Abmachung mit der Christlichsozialen Partei. Dabei wurde vereinbart, gegnerische Versammlungen nicht weiter zu stören, fremde Plakate nicht herunterzureißen und die Verteilung von Flugblättern nicht zu verhindern. Darüber hinaus sollten derartige Zwischenfälle unverzüglich dem Parteivorstand zur Kenntnis gebracht werden. [3]

Unter dem Motto “Rüstzeug zum Wahlkampf gegen die Sozialdemokratie” erfreute sich Heinrich Ardningers Broschüre über “Sozialdemokratie und Landwirtschaft” aus dem Jahr 1919 wieder großer Beliebtheit. Jeder Landwirt sollte das Büchlein seinen Dienstboten zum Lesen geben und dafür sorgen, dass es auch unter den Kleinbauern verbreitet wird. Das in rot gehaltene Buchcover zeigte einen grimmig dreinblickenden Sozialdemokaten, der mit wehender Fahne und einer brennenden Fackel in den Händen ein friedliches Bauernhaus in Brand setzt. [4]

Die Schärfe dieser exemplarischen Auseinandersetzung zeigt, dass der ländliche Raum eine immer wichtigere Stellung im politischen Kräftemessen der Nachkriegszeit einnahm. Entsprechend wurde die Landagitation für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs (SDAP) eine relevante Agenda und spätestens in der Ersten Republik als realpolitische Aufgabe innerhalb der Partei anerkannt [5]:

„Es galt akut, neue Wähler*innengruppen außerhalb der Ballungszentren zu erreichen und zumindest Teile der ländlichen Bevölkerung der Vertretung durch das christlichsoziale Lager zu entziehen.“ [6]

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich die Sozialistische Partei Österreichs (SPÖ) neu gründete, stand die Notwendigkeit außer Frage, im ländlichen Raum erneut Fuß zu fassen – wie Parteitheoretiker Karl Czernetz im Oktober 1945 schrieb:

“Die Partei hat sich in der Vergangenheit nicht auf die Organisierung der industriellen Arbeiterschaft beschränkt, sie wird es auch in Zukunft nicht tun. Die Partei wird alle arbeitenden Schichten des Volkes, Arbeiter, Angestellte, Bauern, Intellektuelle, Techniker in ihren Reihen erfassen. […] Die Sozialistische Partei wird keineswegs […] auf die Gewinnung der Bauern verzichten. Das geistige Ringen um alle arbeitenden Menschen in Stadt und Land ist ein Grundelement der Arbeit der Sozialistischen Partei, die den Kampf für die Interessen aller arbeitenden Schichten führen wird. […] In der Vergangenheit haben uns die ungünstigen ökonomischen Verhältnisse der Ersten Republik gezwungen, in erster Linie auf die Interessen der städtischen und industriellen Bevölkerung zu sehen. Das hat der Partei geschadet und die faschistische Gefahr verstärkt.” [7]

Quellen:

[1] Arbeiterwille (1911). Landagitation, 31. Mai 1911, S. 5 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[2] Salzburger Wacht (1923). Der Sozialismus im Vormarsch, 31. März 1923, S. 10 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[3] Arbeiter-Zeitung (1923). Genossen und Genossinnen, 6. September 1923, S. 3 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[4] Vgl. Landheimat (1923). Gute Bücher ins Bauernhaus, 6. Oktober 1923, S. 11 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[5] Vgl. Mattl, Siegfried (1981). Agrarstruktur, Bauernbewegung und Agrarpolitik in Österreich 1919–1929, Wien/Salzburg, S. 263.
[6] Rail, Lisa Francesca (Hg.). Otto Bauer und die Commons. 100 Jahre Vision von der demokratischen Sozialisierung des Bodens, in: Bauer, Otto (2024). Der Kampf um Wald und Weide. Studien zur österreichischen Agrargeschichte und Agrarpolitik, Wien, Mandelbaum Verlag, S. 14.
[7] Czernetz, Karl (1945). Der Neuaufbau der Sozialistischen Partei in Österreich. Massenorganisation und Führungspartei, in: Informationsdienst der Sozialistischen Partei Österreichs, Ausgabe Nummer 19 vom 17. Oktober 1945, S. 2.