Alfred Migsch – Ein Vollblutpolitiker mit Nuancen

Alfred Migsch (1901–1975) war bereits in den 1920er Jahren führendes Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) und strebte nach seinem Studium eine Laufbahn im Wiener Rathaus an, die nach den Februarkämpfen 1934 jedoch mit einer Versetzung endete. In der NS-Zeit publizierte er gemeinsam mit der Widerstandsgruppe Anti-Hitler-Komitee eine Untergrundzeitung, weshalb er 1944 verhaftet und in das KZ Mauthausen deportiert wurde. Nach seiner Befreiung kandidierte Migsch 1945 für den Nationalrat – dort sollte er mit Unterbrechungen rund zwei Jahrzehnte tätig sein und fortan eine gewichtige Rolle im SPÖ-Klub spielen. Als Minister für Elektrifizierung und Energiewirtschaft (1947–1949) war er zudem maßgebend an der Überwindung des Energienotstandes in Österreich beteiligt.

Als Energieminister Karl Altmann von der KPÖ am 20. November 1947 aus Protest gegen die zweite Währungsreform zurücktrat und damit die kommunistische Beteiligung an der Bundesregierung beendete, wurde Alfred Migsch vier Tage später von Bundespräsident Karl Renner zum neuen Bundesminister für Energiewirtschaft und Elektrifizierung ernannt. Migsch nannte die Sicherung einer Energiegrundlage sowie die generelle Verbesserung der Stromversorgung als seine vorrangigen Aufgaben. [1]

Tatsächlich konnte Migsch bereits Anfang Februar 1948 verkünden, dass die Stromsparmaßnahmen aufgehoben werden. Daneben wurde ein Bauprogramm für den Inlandsverbrauch auf den Weg gebracht, wie etwa der Bau der großen Limbergsperre in Kaprun. Die dort entstehenden Wasserkraftwerke in den Hohen Tauern waren eine Pionierleistung, der „Mythos Kaprun“ wurde zu einem identitätsstiftenden Symbol für den Wiederaufbau. Dabei darf nicht vergessen werden, dass mehr als 6 000 Zwangsarbeiter aus rund 20 Nationen die erste Bauphase in der NS-Zeit verwirklichen mussten. [2]

“Mythos Kaprun” [Fotoarchiv]

Alfred Migsch sollte auch nach seiner Zeit als Bundesminister eine gewichtige Rolle im SPÖ-Klub spielen, vor allem seine Expertise hinsichtlich sämtlicher Budgetfragen wurde geschätzt. Er gehörte mit einer kurzen Unterbrechung als Wiener Personalstadtrat (Dezember 1954 bis April 1956) bis 1966 dem Parlament an und war sich bis zum Schluss seiner historischen Verantwortung bewusst.

Alfred Migsch : Ein Annäherungsversuch

Migsch war ein vielschichtiger Politiker, der insbesondere als Energieminister größere Bekanntheit erlangte. Seine politische Laufbahn war geprägt von seinem Einsatz für den Wiederaufbau Österreichs – mit besonderem Fokus auf die Bewältigung der Energiekrise in der Nachkriegszeit, für die er wegweisende Maßnahmen initiierte.

Bemerkenswert erscheint seine Positionierung innerhalb der SPÖ. Als ehemaliger Revolutionärer Sozialist, Widerstandskämpfer und Mauthausen-Überlebender stand er nach Kriegsende der Parteispitze rund um Adolf Schärf nahe, die eine Zusammenarbeit mit der ÖVP befürwortete und sich für eine behutsame Einbindung ehemaliger Nationalsozialist : innen in die österreichische Nachkriegsgesellschaft aussprach.

Alfred Migsch war über Jahrzehnte hinweg eine prägende Figur in der SPÖ – sei es durch hunderte Vorträge oder seine Rolle als Kommentator in sozialdemokratischen Medien. Sein Engagement beschränkte sich nicht nur auf Wirtschafts- und Budgetfragen, sondern erstreckte sich über ein breites Themenspektrum. So setzte er sich als Vollblutpolitiker ebenso mit außenpolitischen Entwicklungen auseinander wie mit dem Verhältnis von Kirche und Sozialismus und vielem mehr.

Ins Rampenlicht

Eine ausführliche Biografie über Alfred Migsch ist im Buch “Ins Rampenlicht: Persönlichkeiten der SPÖ zu Beginn der Zweiten Republik” zu finden.

Titelbild:
Grabstätte von Bundesminister a. D. Alfred Migsch am Ottakringer Friedhof.

Quellen:
[1] Vgl. Energieminister Dr. Alfred Migsch sprach in Leoben, Obersteirische Volkszeitung, 17. 12. 1947, S. 2.
[2] Vgl. Auf hebung der Stromsparmaßnahmen, Arbeiter-Zeitung, 6. 2. 1948, S. 1.