Sozialdemokratische Landagitation 1: Der Kampf um den ländlichen Raum

Vorwort

Dass die Freiheitliche Partei ihre Hochburgen in ländlichen Gebieten, kleineren Stadtgemeinden und Vororten hat, während die SPÖ (nach wie vor) in großen Städten punkten kann, ist seit Jahren in Österreich zu beobachten. Dieser Trend verstärkte sich bei der letzten Nationalratswahl im Jahr 2024: Wäre nur in Großstädten gewählt worden, hätten die Sozialdemokrat:innen die Wahlauseinandersetzung klar gewonnen. Doch am Land war die SPÖ mit 17 Prozent weit abgeschlagen, die FPÖ konnte hingegen ein Drittel der Wähler:innenstimmen auf sich vereinen.

Die Beziehung der Sozialdemokratie zur Peripherie war stets ein eigenes – und oft vernachlässigtes – Kapitel. Die Arbeiter:innenbewegung war von Beginn an eng mit den urbanen Zentren des Landes verknüpft, während ländliche Räume außen vor blieben. Besonders schwierig gestalteten sich die ersten Annäherungsversuche gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Die Landbevölkerung war konservativer geprägt und hatte kaum Berührungspunkte mit der Industriearbeit oder den entstehenden Gewerkschaften. Das Vorgehen war dennoch alternativlos, wollte man eine entscheidende Mehrheit gewinnen.

Die Geschichte der SPÖ war also von Beginn an eine Geschichte der Zentralräume und Großstädte. Das Rote Wien, als Gegenentwurf zur bürgerlichen Regierungspolitik, mag symbolisch dafür stehen. Unter den beiden Bürgermeistern Jakob Reumann und Karl Seitz wurde die Bundeshauptstadt jedenfalls zu einem Ausstrahlungszentrum sozialdemokratischer Erfolge und Grundsätze [1].

Die sozialdemokratische Agitation außerhalb der städtischen Zentren war hingegen weniger erfolgsverwöhnt. Von Anfang an galt es als fraglich, ob ländliche Arbeitskräfte den Vorstellungen und der Führung einer Partei folgen würden, die in einem ganz anderen, urban-industriellen Umfeld verwurzelt war. Dennoch galt das Vorhaben als alternativlos, da man damit beabsichtigte, „zumindest Teile der ländlichen Bevölkerung der Vertretung durch das christlichsoziale Lager zu entziehen“ [2].

Zeitgeschichtliche und raumstrukturelle Einordnung:
Die Sozialdemokratie am Ende des 19. Jahrhunderts

Die Anfänge der österreichischen Arbeiter:innenbewegung waren geprägt von existenzieller Not und Repression. Hungerlöhne und Krankheit, unbegrenzte Arbeitszeiten und frühe Invalidität bestimmten den Alltag der Arbeiterschaft, die vom kulturellen Leben (Bildungszugang, Vereinskultur, repräsentatives Stadtleben) ebenso ausgeschlossen war wie von staatsbürgerlichen Rechten (Wahlrecht, Mitbestimmungsmöglichkeiten). Besonders in der frühen Industrialisierung, die sich auf die Textilindustrie konzentrierte, wurden Frauen und Kinder in großem Ausmaß ausgebeutet.

Die fehlende Organisationserfahrung und das geringe Bewusstsein für Solidarität verstärkten die Ohnmacht der Arbeiterklasse. Gleichzeitig verhinderten staatliche Kontroll- und Unterdrückungsmechanismen jede nachhaltige Selbstorganisation. Das Metternich-System überwachte politische Regungen mit einem dichten Netz aus Polizei und Spitzeln. Erst die spätere Einigung der Bewegung in Hainfeld 1888/89 markierte den Übergang zu einer handlungsfähigen politischen Kraft.

Die frühen Organisationsstrukturen der Sozialdemokratie konzentrierten sich vor allem in industriellen Ballungsräumen und größeren Städten. Diese urbanen Zentren verfügten über die notwendige Infrastruktur und Dichte, um Ideen zu verbreiten und kollektives Handeln zu organisieren.

Zugleich entstanden Stützpunkte in kleineren Industriestädten und regionalen Industrieclustern, etwa in der Textil-, Bergbau- oder Metallindustrie. Die frühe Sozialdemokratie war daher nicht ausschließlich an Großstädte gebunden, sondern orientierte sich vor allem an Industrie- und Verkehrszentren, in denen sich Arbeitskräfte, wirtschaftliche Dynamik und politische Organisierbarkeit verdichteten.

Daraus folgte, dass die ländlichen Gebiete abseits dieser Zentren für die Sozialdemokratie als schwieriges Terrain galten, die politisch von konservativen, klerikalen oder agrarisch-nationalen Milieus dominiert wurden. Der ländliche Raum stellte jedoch nicht nur wegen der zunächst geringen Organisationsdichte eine besondere Herausforderung dar, sondern wurde auch in der zeitgenössischen Wahrnehmung sozialdemokratischer Publizistik als kulturelle Antithese zum städtischen empfunden (Fortschritt versus Traditionalismus). Deutlich wird dies auch anhand eines Textes von Franz Jonas, den der frühere Bundespräsident noch in seiner Zeit als Wiener Bürgermeister verfasste. Darin hielt er fest:

„Die ländlichen Gebiete waren in der Geschichte recht selten ein Nährboden für neue, mitreißende, fortschrittliche Ideen. […] Zu allen Zeiten sind die Städte die Angelpunkte umwälzender Ereignisse und revolutionärer Entwicklungen gewesen. Aus begreiflichen Gründen: […] weil die Masse der Stadtbewohner – besonders nach dem Aufkommen von Manufaktur und Industrie – als Recht- und Besitzlose, als ‚Proletarier‘, für alle auf die Verbesserung ihrer hoffnungslosen Lage zielenden Ideen einen guten Nährboden darstellten. Deshalb ist auch der Sozialismus ursprünglich eine Bewegung des Industrieproletariats, der besitzlosen Stadtbewohner, gewesen. Allerdings erschlossen sich seinen Zielen bald auch die in gleicher Lage lebenden Pächter- und Kleinbauernschichten. Heute strahlt seine Anziehungskraft auf alle Bevölkerungsschichten aus, die von ihrer Arbeit leben.“ [3]

Abgrenzung zur irischen Landagitation (Land War)

Nach der Großen Hungersnot (1845 bis 1849) war das irische Agrarsystem aus dem Gleichgewicht geraten. Der Landbesitz konzentrierte sich auf eine kleine Gruppe von Großgrundbesitzern, während die meisten Menschen auf dem Land als Pächter lebten. Viele der Eigentümer wohnten nicht auf ihren Gütern oder hielten sich nicht einmal in Irlands auf, wodurch die soziale und wirtschaftliche Kluft weiter anwuchs.

Ein besonders brisantes Thema waren die Zwangsräumungen. Zwar nahm ihre Zahl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ab, dennoch blieb die rechtliche und wirtschaftliche Unsicherheit der Pächter bestehen. Räumungen erhöhten die soziale Unsicherheit und trieben einen Teil der Landbevölkerung in die Emigration. Diese Unsicherheit führte zu Forderungen, die als die „Three Fs“ bekannt wurden: faire Mieten (fair rents), Sicherheit des Besitzes (fixity of tenure) und das Recht, die Pacht frei verkaufen zu können (free sale).

Irish Emigration Museum

Vor diesem Hintergrund entstand ab 1879 ein neues politisches Bündnis aus revolutionären Nationalisten, parlamentarischen Vertretern und Agrarreformern – die Landagitation (Land War) nahm seinen Anfang. Im gleichen Jahr wurde die Irish National Land League gegründet, die zur zentralen Organisation dieser Bewegung wurde. Sie mobilisierte weite Teile der Landbevölkerung, setzte auf Massenversammlungen und auf einen kollektiven Widerstand gegen Räumungen.

Die Landagitation war eine bäuerliche Bewegung mit starkem Rückhalt in der katholischen Landbevölkerung und unter nationalistischer Führung. Die Bewegung führte zu spürbaren agrarischen Spannungen und setzte häufig auf kollektiven und außergerichtlichen Druck. Zugleich beschleunigte der Land War staatliche Reformen: Ab den frühen 1880er-Jahren griff die Gesetzgebung nach und nach zentrale Forderungen der Pächter auf.

Sozialdemokratische Landagitation – ein erster Annäherungsversuch

Die Wiener Landwirtschaftliche Zeitung begann am 22. August 1891 in ihrem Leitartikel über das Verhältnis der Sozialdemokratie zur Landwirtschaft mit folgender Feststellung:

“Noch vor wenigen Jahren hätte wohl Jedermann geglaubt, daß der Zeitpunkt, in welchem die Socialdemokratie und die Landwirtschaft zu einander in engere Beziehungen gebracht werden könnten, ein sehr ferner sei. Heute ist er bereits da!” [4]

Allerdings räumte der Verfasser den Bemühungen der Sozialdemokratie auf dem Lande im weiteren Verlauf des Textes nur geringe Chancen ein, da sich die ländliche Arbeiterschaft in ihrer Lebenswelt, ihrem Habitus und ihrer politischen Sozialisation deutlich von den urban-industriellen Milieus unterschied. Dennoch machte der Begriff der Landagitation, als das kämpferische und propagandistisch zugespitzte politische Werben und Aufklären der ländlichen Bevölkerung, die Runde und wurde in den kommenden Jahrzehnten zusehends als real-politische Aufgabe innerhalb der Sozialdemokratie anerkannt [5].

Die ersten konkreten Überlegungen zur Landagitation fanden in der deutschen Sozialdemokratie statt: Zu Beginn des Jahres 1891 sorgte die SPD für Aufmerksamkeit, indem sie programmatisch ankündigte, die sozialistischen Ideen „auf die Dörfer“ zu tragen. Der im Oktober 1890 in Halle abgehaltene Parteitag hatte dazu die Parole “Hinaus aufs Land!” ausgegeben. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie (bekannt als “Sozialistengesetz”) wenige Tage davor offiziell aufgehoben wurde.

Wilhelm Liebknecht, einer der SPD-Gründerväter und Vater von Karl Liebknecht, verwies beim Parteitag auf die bevorstehende Landagitation mit dem Hinweis, dass die deutsche Sozialdemokratie bereits 1869 zum Thema Grund und Boden Stellung bezogen hatte: “Wenn wir die Vergesellschaftung aller Produktionsmittel fordern, so liegt darin bereits, daß wir Grund und Boden zu Gemeingut machen wollen [6].” Reichstagsabgeordneter Hermann Molkenbuhr ergänzte aus organisatorischer Sicht, dass es für die weiteren Schritte “sachkundige Schriften für die Agitatoren” benötige [7].

Auch in Deutschland erwies sich dieses Vorhaben als ein langwieriges Unterfangen. So berichtete die Vorarlberger Landes-Zeitung im April 1889, die sozialdemokratische Landagitation habe bisher noch nicht in geordneter Form begonnen. Nun zeichnete sich jedoch ein Wandel ab: Aus mehreren deutschen Bezirken wurde gemeldet, dass sozialdemokratische Agitatoren durchs Land reisen, um ihre Ideen auch in ländlichen Regionen zu verbreiten. [8]

Die ersten größeren Agitationsversuche in Deutschland blieben auch bei der österreichischen Genoss:innen nicht unbemerkt, allerdings wurde hier erst mit einiger Verzögerung darauf reagiert. So fand etwa die Landagitation in den Anfangsjahren nur geringe Beachtung – erst 1900 wurden am Parteitag in Graz erste Grundsätze verabschiedet. [9]

Die schwierigen Ausgangsbedingungen am Beispiel von Salzburg

Im Juli 1909 feierte die Salzburger Wacht, das sozialdemokratische Organ für Salzburg, ihr zehnjähriges Jubiläum. Dabei wurde betont, dass es sich eigentlich um ein Nebenereignis handeln würde, würde man nicht den Boden in Betracht ziehen, auf dem dies vonstattenging. Aus Sicht der handelnden Funktionäre wurden die Anstrengungen der ersten zehn Jahre so „zu einer geschichtlichen Tat, derer wir uns mit Recht freuen können[10].

Was war damit gemeint? Salzburg war zu dieser Zeit neben Dalmatien das industrieärmste Land der Monarchie, lediglich die Landeshauptstadt und Hallein kamen als urbane Zentren politisch-kulturellen Lebens in Betracht. Das restliche Salzburg war tief geprägt von landwirtschaftlichen Einflüssen. „Auf einem so ungünstigen Boden, den vierzig Jahre industrieller Entwicklung nicht berührten, konnte sich der Gedanke des revolutionären Proletariats nur unsäglich schwer entwickeln [11].

In den frühen 1880er-Jahren entstanden zwar erste Vereine der Arbeiterbewegung, doch sie blieben mitgliederschwach. Die einheimische Arbeiterschaft stand der Bewegung weitgehend distanziert gegenüber.1889 vereinten Bildungs-, Fach- und Sängervereine zusammen kaum mehr als 100 Mitglieder.  

Im Laufe der weiteren Jahre entwickelten sich aber weitere organisatorische Anknüpfungspunkte, um die Landbevölkerung für die Sozialdemokratie gewinnen zu können. In den frühen 1890er Jahren wurden fünf Organisationsbezirke gegründet, die jeweils Arbeiterbildungsvereine in ihrer Mitte hatten. Neben der Landeshauptstadt waren dies Thalgau, Hallein, Bischofshofen und Saalfelden. Noch vor der Jahrhundertwende konnten die Parteistrukturen so gefestigt und auf sechs Bezirksorganisationen erweitert werden. [12]

Als wichtiger Katalysator fungierte die überschaubare Salzburger Bergbauindustrie, wie Josef Kaut in seinem Buch Der steinige Weg beschrieb:

“Überall dort, wo eine größere Anzahl von Arbeitern durch Industrie oder Bergbau lebte, sind die Organisationen früher entstanden, als in den anderen Orten. Zentren der Entwicklung waren Lend, ferner Badgastein, wo der Goldbergbau noch bestand, Mühlbach und Dienten, wo die Bergarbeiter des Kupferbergbaues sich konzentrierten. […] In Lend bestand eine alte Goldwäscherei und Schmelzhütte, die erst 1862 aufgelöst und in deren Anlagen 1887 eine Asbestfabrik errichtet wurde, die auf dem Asbestvorkommen in den Tauern basierte.” [13]

Daneben war es vor allem dem Ausbau des Eisenbahnnetzes zu verdanken, dass sich in ländlichen Regionen gesellschaftspolitische Veränderungen langsam aber stetig verfestigten. In Salzburg steht die heutige Stadtgemeinde Saalfelden am Steinernen Meer exemplarisch dafür. Die frühen sozialdemokratischen Erfolge waren auf die Bedeutung der Gemeinde als Eisenbahnerstandort zurückzuführen. Die dort anfallenden Hilfsdienste, beispielsweise im Fahrdienst, im Heizhaus oder in der Bahnerhaltung, wurden im Wesentlichen aus der bäuerlichen Bevölkerung bestritten. Ein Großteil der untergeordneten Bediensteten kamen aus dem Agrarbereich. Dazu der frühere SPÖ-Bürgermeister Karl Reinthaler, der 1936 nach Saalfelden kam:

„Und in diesem aus der Landwirtschaft stammenden Kreis habe ich immer wieder die Beobachtung gemacht, dass das die treuesten Anhänger waren, die nämlich aus dem Nichts als Person, als eine Null in der Landwirtschaft, plötzlich zu einem angesehenen Eisenbahner, zu einem Beamten, geworden sind. Und das hat einen ungeheuren sozialen Aufstieg für diese Menschen bedeutet, und da war eben die sozialdemokratische Bewegung ihre Heimat.“ [14]

Unverzichtbar für die sozialdemokratische Landagitation waren insbesondere die ersten Vertrauensmänner (heute Funktionäre) der Partei, die vielfach unter Anfeindungen, Entbehrungen und beruflichen Nachteilen zu leiden hatten. Manche von ihnen gelten heute als Pioniere der Bewegung, andere sind längst in Vergessenheit geraten. Exemplarisch sei hier Jakob Viehauser genannt, der in der kleinen Pinzgauer Gemeinde Dienten am Hochkönig bereits 1903 das Amt des Bürgermeisters (damals Gemeindevorsteher) erringen konnte. Sein früher Erfolg machte ihn rasch zur Zielscheibe politischer Gegner:innen, die in den Folgejahren nichts unversucht ließen, um gegen den Sozialdemokraten zu agitieren. Der rote Jakob, wie er genannt wurde, blieb dennoch bis 1913 im Amt und übernahm später nochmals das Bürgermeisteramt (1926–1928).

Feindseligkeiten gab es auch in anderen Teilen Salzburgs zur Genüge. Als etwa im Jahr 1909 eine sozialdemokratische Versammlung in Werfen abgehalten wurde, kam es zu einer wilden Schlägerei, als Landwirte “mit geschwungenen Bierkrügen” die Veranstaltung zu sprengen versuchten. Trotz solcher Vorfälle entstand in dieser Zeit in Salzburg ein beinahe flächendeckendes Netz an sozialdemokratischen Organisationen – nur im Oberpinzgau und im Lungau blieben, wie Quellen aus den Jahren 1910 bis 1911 zeigen, noch größere Lücken bestehen. Zwischen Golling und Bischofshofen zog sich zudem ein weiterer weißer Fleck, der sich bis Radstadt fortsetzte. Selbst in diesen parteipolitisch noch unorganisierten Gebieten fanden sich jedoch bereits vereinzelte Abonnent:innen der Salzburger Wacht, dem offiziellen Parteiorgan der Salzburger Sozialdemokratie. [15]

Der Kampf um ein (Gemeinde-)Wahlrecht

Die Sozialdemokratie kämpfte viele Jahre lang entschieden für ein allgemeines, gleiches, geheimes und direktes Wahlrecht. Zensuswahlrecht und das spätere Kurienwahlrecht führten dazu, dass Eliten stark überrepräsentiert waren, während Arbeiter praktisch ausgeschlossen blieben. Da der parlamentarische Weg blockiert war, waren Großdemonstrationen und die politische Mobilisierung der Arbeiterschaft die wirkungsvollsten Instrumente. Ein erster Durchbruch gelang mit der Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Männerwahlrechts im Jahr 1907. Frauen blieben aber noch bis 1918 vom Wahlrecht ausgeschlossen.

Das Wahlrecht spielte auch in der Frage der Landagitation eine entscheidende Rolle – konkret betraf dies das Reichsgemeindegesetz von 1862. Die Ausgestaltung des Gemeindewahlrechts wurde demnach den jeweiligen Landesgemeindewahlordnungen überlassen, mit einer Ausnahme: Diese bestand in der Verpflichtung zur „Sicherung der Interessen der höher Besteuerten“.

Das Gemeindewahlrecht war an eine ökonomische Qualifikation gebunden: Wahlberechtigt waren ausschließlich österreichische Staatsbürger, die in der jeweiligen Gemeinde auf Grundlage von Realbesitz, Gewerbebetrieb oder sonstigem Einkommen direkte Steuern entrichteten. Eine Differenzierung nach der Herkunft des Vermögens erfolgte nicht. Unabhängig von einer tatsächlichen Steuerleistung wurde das Wahlrecht bestimmten gesellschaftlichen Gruppen kraft Funktion oder Status gewährt – darunter Geistliche, die in der Ortspastoral tätig waren, Personen mit akademischem Grad, staatlich angestellte Lehrer sowie Ehrenbürger der Gemeinde. [16]

Die Wahlverfahren gliederten sich für gewöhnlich in drei Wahlkörper, die nach der Steuerleistung der Wähler differenziert waren. In Ausnahmefällen wie etwa bei einer geringen Wählerzahl oder bei marginalen Unterschieden in der Steuerbelastung war auch die Bildung von nur zwei Wahlkörpern zulässig. Ein Leserbrief aus dem Weinviertel im sozialdemokratischen Volksboten schilderte Anfang 1900 die realen Auswirkungen dieses Wahlverfahrens:

„Unser Ort hat etwas über 200 Nummer. Schon aus der Eintheilung der drei Wahlkörper ersehen Sie, daß es nur an den Kleinbauern selbst liegt, ihre Macht in der Gemeinde zu benützen, wenn sie es wollen oder wenn sie dies begreifen. Der erste Wahlkörper besteht aus 13 ‚größeren‘ Bauern, einem Großgrundbesitzer und dem Pfarrer. Im zweiten Wahlkörper finden Sie schon zum größten Theile kleinere Besitzer und der dritte Wahlkörper umfaßt den weitaus größten Theil der 200 Nummern. Merkwürdigerweise wird in den meisten Orten der Bürgermeister aus dem ersten Wahlkörper genommen und damit schon der erste Fehler gemacht. Seine Handlungen entsprechen auch in der Regel den Vortheilen der Wähler des ersten Wahlkörpers.“ [17]

Im betroffenen Ort waren die Kleinbauern vom erwähnten Großgrundbesitzer hinsichtlich des Waldholzes abhängig, Gemeindewaldungen gab es dort keine. Eine Abhängigkeit, die sich bis in die Gemeindepolitik zog. Dennoch war sich der Verfasser sicher, dass der Boden für die Sozialdemokratie hergerichtet sei – die Kleinbauern vor Ort stellten aus seiner Sicht eine geeignete Zielgruppe für die Landagitation dar. Allerdings sollte es noch 23 Jahre dauern, bis die sozialdemokratische Vereinigung der Kleinbauern, Weinbautreibenden und Kleinpächter gegründet werden sollte.

1891 bis 1900: Ein Blick über die Grenzen

Es sollte noch einige Zeit vergehen, bis die österreichische Sozialdemokratie die Landagitation als realpolitische Aufgabe anerkannte. Zunächst überwog eine abwartende Haltung; stattdessen wurden die Entwicklungen im Ausland aufmerksam verfolgt und analysiert.

Beim Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im November 1892 waren Victor Adler und Julius Popp, der Ehemann von Adelheid Popp, in Berlin anwesend. Sie konnten zahlreiche Eindrücke – auch im Hinblick auf die Landagitation – nach Wien mitnehmen. Im Bericht des deutschen Parteivorstandes wurde grundsätzlich kritisch festgestellt, dass es an geeigneten Agitatoren mangelte: “Berlin selbst ist so arm an Agitatoren, daß es nöthig wäre, Kräfte aus der Provinz heranzuziehen” [18].

Vor diesem Hintergrund überrascht es wenig, dass auch Klagen über die unzureichende Landagitation laut wurden. Der zentrale Vorwurf lautete dabei, dass insgesamt zu wenig unternommen werde. Zugleich räumte man ein, dass es keineswegs einfach sei, „den richtigen Ton zu treffen“. Bemerkenswert früh setzte sich zudem die Erkenntnis durch, dass die Provinzen keinen homogenen Raum darstellten und daher unterschiedliche agitatorische Ansätze erforderten – Ostpreußen war eben nicht das Rheinland oder Westfalen. Darüber hinaus bestand Einigkeit darüber, dass die bestehenden Verhältnisse nicht kurzfristig zu verändern seien:

„Solange der Sozialismus nur von den Theoretikern, den Gelehrten predigt wurde, war es keine Volksbewegung. Erst als aus der Masse hinaus die nothwendigen Agitationskräfte herauswuchsen, wurde es anders. So wird es auch mit der Landagitation stehen. Erst wenn aus dem Landproletariat selbst die Agitationskräfte herausgewachsen sind, wird unsere Agitation auch auf dem Lande Erfolg haben, während jetzt noch ihre Aussichten gering sind.“ [19]

Im August des folgenden Jahres fand in Zürich der Internationale Kongress der II. Internationale, kurz Sozialistenkongress, statt. Rund 440 Delegierte aus aller Welt nahmen daran teil. Neben einer vielbeachteten Resolution zum Achtstundentag wurde auch eine zur Agrarfrage verabschiedet. Darin wurde festgehalten, dass der Kongress es als eine der dringendsten Aufgaben der internationalen Sozialdemokratie betrachte, neben den Industriearbeitern auch die landwirtschaftlichen Arbeiter zu organisieren und in die Parteistrukturen einzubinden. Weiter hieß es:

“Der Kongreß beschließt, daß alle Nationalitäten dem nächsten Kongreß einen Bericht vorlegen sollen über die Fortschritte der Landagitation und über die agrarischen Verhältnisse in den betreffenden Ländern. Die Berichte sollen besonders berühren, welche Stellung, welche Mittel und welche Methode der Agitation die Sozialisten am geeignetsten halten für die Verhältnisse ihrer Länder, für das Proletariat, die Kleineigenthümer, die Pächter u. s. w.” [20]

Zusätzliche Aufmerksamkeit erregte die deutsche Reichstagswahl im Juni 1893, bei der die SPD in ländlichen Regionen Stimmengewinne erzielte. Mit 23,3 Prozent der Stimmen und einem Zuwachs von 3,6 Prozentpunkten baute sie ihre Position als stärkste Partei weiter aus und zog mit 44 Abgeordneten in den Reichstag ein. Ebenfalls nicht unbemerkt blieb, dass in Frankreich sozialistische Gemeinderäte auch von Landwirten gewählt wurden.

Bereits 1892 verabschiedeten die französischen Sozialisten auf einem Parteitag in Marseille agrarpolitische Grundsätze, die später in einer Auflage von 100.000 Exemplaren gezielt in ländlichen Regionen verbreitet wurden. Diese forderten Reformen zugunsten der Tagelöhner, Pächter und Kleinbauern. Jules Guesde, Mitbegründer der Französischen Arbeiterpartei (POF), betonte in diesem Zusammenhang, dass selbst dann, wenn es gelänge, „die gesammte Arbeiterschaft der Städte um ihre Fahne zu scharen, doch nicht zur politischen Macht durchdringen könne, wenn sie sich nicht der Mehrheit der ländlichen Wähler versichere“ [21].

Zwei Jahre später wurden auf dieser Grundlage auf dem Parteitag in Nantes weitere Beschlüsse gefasst, die über rein landwirtschaftliche Fragen hinausgingen und allgemeinere Aspekte des ländlichen Lebens in den Blick nahmen. So forderte man unter anderem „unentgeltliche ärztliche Hilfe in jedem Kanton und Schaffung von öffentlichen Apotheken behufs Verabreichung von Medikamenten zum Selbstkostenpreis“ [22].

Trotz dieser kleinen Erfolge blieb die Agitation im ländlichen Raum für die Sozialdemokratie ein schwieriges Betätigungsfeld, wie auch Berichte der Delegierten auf dem zweiten Parteitag der SPD in Bayern im September 1894 zeigten. Eine Auswahl: Ortsansässige Genossinnen und Genossen verfügten oftmals nur über „schwache materielle Mittel“, zudem fehlte „ein wöchentlich erscheinendes Blatt unter spezieller Berücksichtigung der Interessen der ländlichen Bevölkerung“. Auch brachten örtliche Vertrauensmänner nicht immer jene Qualitäten mit, die man sich für eine wirksame Landagitation erhoffte. Darüber hinaus wurde angeregt, „mit Rücksicht auf die Arbeit der Bauern im Sommer“ die Werbemaßnahmen stärker auf die Wintermonate zu verlegen. Versammlungen erschienen zudem erst dann sinnvoll, wenn zuvor ausreichend Propagandamaterial in Form von Flugblättern und Broschüren verbreitet worden war [23].

Zu dieser Zeit lässt sich insgesamt ein Dilemma in der sozialdemokratischen Zielgruppenarbeit beobachten, das exemplarisch auf dem Frankfurter Parteitag der SPD im Oktober 1894 zutage trat. Bereits im Vorfeld wurde kontrovers diskutiert, ob die Inhalte des Parteiprogramms überhaupt für die Agitation im ländlichen Raum geeignet seien. Ein entsprechender Antrag forderte daher die Einsetzung einer Parteikommission, die grundlegende Analysen zu den spezifischen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen des ländlichen Raums sowie zu dessen Bewohnerinnen und Bewohnern erarbeiten sollte. Auf dieser Grundlage sollte bis zum nächsten Parteitag ein eigenständiges agrarpolitisches Programm der Partei entstehen, ergänzt um einen praxisorientierten Leitfaden für die Werberinnen und Werber. Darüber hinaus lagen mehrere Anträge zum Themenkomplex „Sozialdemokratie und Religion“ vor, die sich jedoch auf keine einheitliche politische Linie verständigen konnten. [24]

Diese inhaltlichen wie auch organisatorischen Unsicherheiten versuchte man zunächst durch einen pragmatischen Ansatz des „Learning by doing“ auszugleichen. Zeitgenössisch wurde dies mit dem Hinweis begründet, „daß wir uns bei der Landagitation auf einem Gebiete bewegen, das der Mehrzahl der Genossen mehr oder weniger fremd ist. Man hat aber gelernt und bereits ‚unzweckmäßige‘ Methoden der Landagitation durch ‚bessere‘ ersetzt“ [25]. Gleichwohl blieben auch hier Unstimmigkeiten im praktischen Vorgehen bestehen. So beharrte etwa der bayerische Landesverband darauf, die Landagitation nach eigenen Maßstäben zu gestalten, und wandte sich ausdrücklich gegen eine parteiweit einheitliche, als „schablonenhaft“ empfundene Vorgehensweise [26]. Dazu passend Dr. Bruno Schönlank, der am SPD-Parteitag 1894 zum Themenblock “Agrarfrage und Sozialdemokratie” als erster Berichterstatter fungierte:

„Wer nicht auf dem Lande gelebt hat, die Bauern nicht kennt, der darf nicht Landagitation treiben, sonst richtet er nur groben Unfug an. Man soll Leute aufs Land schicken, die etwas davon verstehen, und nicht Leute, die den Bauern gleich vom achtstündigen Arbeitstage erzählen. […] So ein Herr aus Berlin (Oho!), der ist nicht geeignet für die Landagitation. (Rufe: Das läßt sich Alles lernen!)“ [27]

Die Landproletarier galten als erfolgversprechendste Zielgruppe der sozialdemokratischen Landagitation. Ob Kleinbauern für Parteiwerbemaßnahmen überhaupt geeignet seien, blieb jedoch ein umstrittener Diskussionspunkt. Dabei fiel auch das Argument, dass – falls eine Gewinnung der kleinstrukturierten Landwirtschaft scheitere – die Kleinbauern wenigstens „neutralisiert“ werden könnten, indem Vorurteile abgebaut und Loyalitäten gelockert würden. Georg von Vollmar, erster Vorsitzender der bayerischen SPD und zweiter Berichterstatter zum Thema „Agrarfrage und Sozialdemokratie“ auf dem erwähnten Parteitag, schilderte dabei seine Erfahrungen aus tatsächlichen Agitationsversuchen im landwirtschaftlichen Milieu:

“Man hat sich die Landagitation lange Zeit so vorgestellt, daß sich die Genossen truppweise wie ein Heuschreckenschwarm über das Dorf ergossen und Flugblätter vertheilt haben, die nicht einmal die Genossen, geschweige denn die Bauern verstanden haben. Den Genossen mache ich keinen Vorwurf. Die Genossen haben dann von Oben herab auf die Bauern eingeredet […] und sind dann mit Gesang abgezogen. Als dann die Bauern unter sich waren, als das Feld wieder ihnen gehörte, da unterhielten sich die Bauern über die Genossen. Es waren keine Schmeicheleien, die man da zu hören bekam. (Heiterkeit.) […] Wer auf Landagitation geht, der verbrenne alle alten Agitationsbroschüren, der versenke sich in den Charakter der landwirthschaftlichen Productionsweise, er lege vor Allem den städtischen Hochmuth ab, jenen Hochmuth, der da annimmt, daß der Städter viel klüger ist, als der Bauer.” [28]

Der Frankfurter Parteitag rief im Nachhinein deutliche Kontroversen hervor. Kritische Stimmen warfen dem Reformkurs Vollmars vor, die praktizierte „Bauernrettung“ habe den klassentheoretischen Charakter der SPD verwässert, da aus Sicht der Gegner selbst „gerettete“ Bauern weiterhin tragende Stützen des bestehenden Klassenstaates geblieben seien. August Bebel wies in einem Beitrag alle Bestrebungen entschieden zurück, die den proletarisch-revolutionären Kern der Partei aushöhlen könnten. [29]

Auch parteiinterne Organe wie die Arbeiter-Zeitung verurteilten diese Anpassungen als Schwächung der proletarischen Klarheit und als Gefahr für die revolutionäre Ausrichtung. In Württemberg distanzierte sich die Schwäbische Tagwacht scharf von Vollmars Positionen – in ihren Augen wäre es politischer Selbstmord, gegenüber rückständigen Bevölkerungsschichten inhaltliche Zugeständnisse zu machen, die letztlich wirkungslos blieben. In Heilbronn führte diese Zuspitzung zu tiefen Rissen zwischen radikaleren Jüngeren und den älteren Genossen. [30]

Die Debatten über Erfolge und Misserfolge der sozialdemokratischen Agitation im ländlichen Raum fanden auch in der konservativen und deutschnationalen Presse Resonanz. So warnte etwa das Salzburger Volksblatt in einem Kommentar davor, dass die „sozialistischen Irrlehren“ zwar bislang nicht den erhofften Durchbruch auf dem Land erzielt hätten, die langfristigen Folgen der „Aufhetzung und immerwährenden Beunruhigung“ der Landbevölkerung jedoch nicht unterschätzt werden dürften:

„Auf den Parteitagen der Sozialdemokraten, und so auch auf dem jüngsten in Frankfurt, wird die Propaganda auf dem Lande eingehend besprochen […]. An diesem Beispiele der intensivsten Arbeit auf dem Gebiete der politischen Propaganda können sich alle Parteien eine Lehre nehmen. Man muß – und je weiter die Sozialdemokratie sich in Oesterreich ausbreitet, desto nothwendiger wird dies werden – diese Propaganda mit ihren eigenen Mitteln bekämpfen, d. h. ebenso rührig sein in der Verbreitung der eigenen Anschauungen. Man muß ebenfalls billige Schriften, Zeitungen u. s. w. unterbreiten und sich lediglich auf die Abwehr beschränken.“ [31]

Als zentrales Angriffsmoment gegen die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wurde dabei immer wieder deren vermeintliches Unverständnis für die spezifischen Lebens- und Wirtschaftsverhältnisse des ländlichen Raums angeführt, insbesondere in Bezug auf die dort vorherrschenden „Eigenthumsanschauungen“.

Der Parteitag von 1900 in Graz

Der Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie startete am 2. September 1900 in Graz und dauerte insgesamt fünf Tage. 106 Delegierte waren anwesend, darunter fünf Genossinnen. Die Tagesordnung umfasste neun Punkte, darunter die Landagitation an achter Stelle. Wilhelm Ellenbogen, der später als langjähriger Reichsrats- und Nationalratsabgeordneter Bekanntheit erlangen sollte, hielt zum Thema das Hauptreferat.

Besonders intensiv wurde darüber diskutiert, wie Landarbeiter organisiert werden könnten. Berichterstatter Wilhelm Ellenbogen hielt dazu fest, dass bisherige Versuche in England scheiterten, lediglich in Italien und Ungarn konnten erste bescheidene Organisationsstrukturen aufgebaut werden. Es erschien daher ratsam, die Landagitation auf andere Zielgruppen auszuweiten:

“Aus alledem ergibt sich, daß ein Erfolg nur dort erzielt wurde, wo sich die Partei nicht allein auf den Landarbeiter beschränkt hat, sondern die Agitation auch auf die kleinen Bauern, Häusler, ganz kleine Besitzer ausdehnte. […] Es sind fünfeinhalb Millionen Menschen, um die es sich hier handelt, die wir nicht rechts liegen lassen können, und wo genug Elend, genug Trübsal vorhanden ist, dessen sich die Sozialdemokratie annehmen muß.” [32]

Schlussendlich wurde eine Resolution verabschiedet, welche die ersten Grundsätze der sozialdemokratischen Landagitation beinhaltete. Wichtige Eckpunkte waren dabei “praktische landwirtschaftliche Reformen”, wie etwa der Ausbau des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens oder eine staatliche Kranken-, Unfall-, Invaliditäts- und Altersversicherung für Landarbeiter. Darüber hinaus wurde beschrieben, was eine sozialdemokratische Landagitation zu leisten im Stande sein musste:

“Sie muß ferner vor allem die Beseitigung all der geistigen und politischen Schutzwehren des ländlichen Konservatismus anstreben, also die Erweiterung der Schulbildung, die Uebernahme der Schullasten durch den Staat, die Erkämpfung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes und die Aufklärung der Landbevölkerung durch Zeitungen, Broschüren, landwirtschaftliche Kalender und dergleichen energisch betreiben […]. Da die kleinen Landgemeinden vorzügliche Ausgangspunkte für die Landagitation sind, soll der provinziellen Kommunalpolitik ein sorgsames Augenmerk zugewendet werden.” [33]

Demnach war die Landagitation zunächst eine organisatorische Frage, die je nach Möglichkeit unterschiedlich gelöst wurde. So beschloss etwa der Verbandstag der Taschner, Sattler und Riemer Österreichs, die Landagitation durch reisende Kollegen mit Werbematerial durchzuführen. Darüber hinaus fand jährlich eine große Agitationstour statt, welche von der Zentrale aus organisiert wurde. Ansonsten wurden Agitationen von der jeweiligen Landeshauptstadt oder einer nahen Industriestadt aus betrieben. [34]

Titelbild: Huber, Ernst (1927). Landagitation, in: Kunst und Volk. Mitteilungen des Vereines "Sozialdemokratische Kunststelle", April 1927, S. 7.

Quellen:
[1] Zentralsekretariat der Sozialistischen Partei Österreichs (1964). Das große Erbe: 75 Jahre österreichische Sozialdemokratie, Vorwärts Druck- und Verlagsanstalt, Wien, S. 43.
[2] Rail, Lisa Francesca (Hg.). Otto Bauer und die Commons. 100 Jahre Vision von der demokratischen Sozialisierung des Bodens, in: Bauer, Otto (2024). Der Kampf um Wald und Weide. Studien zur österreichischen Agrargeschichte und Agrarpolitik, Wien, Mandelbaum Verlag, S. 14.
[3] Zentralsekretariat der Sozialistischen Partei Österreichs (1964). Das große Erbe: 75 Jahre österreichische Sozialdemokratie, Vorwärts Druck- und Verlagsanstalt, Wien, S. 5.
[4] Wiener Landwirtschaftliche Zeitung (1891). Die Socialdemokratie [sic] und die Landwirtschaft, 22. August 1891, Seite 1 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[5] Vgl. Mattl, Siegfried (1981). Agrarstruktur, Bauernbewegung und Agrarpolitik in Österreich 1919–1929, Wien/Salzburg, S. 263.
[6] Vgl. Arbeiter-Zeitung (1890). Der sozialdemokratische Parteitag in Halle, 24. Oktober 1890, S. 3-4 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[7] ebd., S. 5.
[8] Vgl. Vorarlberger Landes-Zeitung (1889). Ausland. München, 9. April 1889, S. 2 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[9] Vgl. Gisinger, Arno (1989). Agitation ohne Programm. Die sozialdemokratische Agrarpolitik vor 1918, in: Greussing, Kurt (Hg.): Die Roten am Land. Heimat:Dorf. Lebensbilder - Zukunftsräume, Museum Industrielle Arbeitswelt Steyr, S. 5.
[10] Salzburger Wacht (1909). Zehn Jahre Kampf, 1. Juli 1909, S. 1 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[11] ebd., S. 1.
[12] Vgl. Kaut, Josef (1982). Der steinige Weg. Geschichte der sozialistischen Bewegung im Lande Salzburg, Graphia Druck- und Verlagsanstalt, Salzburg, S. 41ff.
[13] ebd., S. 37f.
[14] Thaler, Walter (1999). Stark betroffen. Wenig beachtet. Sozialdemokratie in Salzburger Gemeinden. Gespräche mit Salzburger Bürgermeistern, Graphia, Salzburg, S. 178.
[15] Vgl. Bauer, Ingrid (1988). 100 Jahre Sozialdemokratie. Von der alten Solidarität zur neuen sozialen Frage, Europaverlag, Wien.
[16] Vgl. Vasold, Christian (2011). Das Reichsgemeindegesetz 1862 – Entstehung, Bedeutung und Inhalte, Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Magisters der Rechtswissenschaften, Karl-Franzens-Universität Graz, S. 74ff sowie Neunherz, Alexander (2025). Jakob Viehauser: Sozialdemokratischer Bürgermeister der ersten Stunde. Eine politische Biografie, Wien, S. 20f.
[17] Volksbote (1900). Zur Landagitation, 8. Februar 1900, S. 2 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[18] Arbeiter-Zeitung (1892). Parteitag der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, 18. November 1892, S. 4 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[19] ebd., S. 4
[20] Arbeiter-Zeitung (1893). Der internationale Sozialisten-Kongreß in Zürich, 1. September 1893, S. 10 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[21] Linzer Volksblatt (1894). Die Bauern und die Socialdemokratie, 5. Oktober 1894, S. 1 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[22] Arbeiter-Zeitung (1894). Das agrikole Programm der französischen Sozialdemokratie, 9. Oktober 1894, S. 3 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[23] Arbeiter-Zeitung (1894). Ausland. Zweiter Parteitag der Sozialdemokraten Bayerns, 5. Oktober 1894, S. 5 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[24] Vgl. Das Vaterland (1894). Deutschland, 13. October 1894, S. 3 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[25] Vgl. Das Vaterland (1894). Parteitag der deutschen Socialdemokratie III, 26. October 1894, S. 4 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[26] Vgl. Das Vaterland (1894). Parteitag der deutsche« Socialdemokratie I, 27. Oktober 1894, S. 4 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[27] Schönlank, Bruno (1894). Parteitag der deutschen Sozialdemokratie IV, in: Das Vaterland, 28. Oktober 1894, S. 10 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[28] Von Vollmar, Georg (1894). Parteitag der deutschen Sozialdemokratie IV, in: Das Vaterland, 28. Oktober 1894, S. 10 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[29] Vgl. Arbeiter-Zeitung (1894). Zum Frankfurter Parteitage, 23. November 1894, S. 3f; Arbeiter-Zeitung (1894). Ausland. Deutschland, 11. Dezember 1894, S. 4 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[30] Vgl. Bregenzer Tagblatt (1894). Politische Rundschau. München, 7. Dezember 1894, S. 2 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[31] Salzburger Volksblatt (1894). Was noth thut, Ausgabe vom 10. November 1894, S. 12 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[32] Arbeiter-Zeitung (1900). Der Parteitag in Graz. Landagitation, 5. September 1900, S. 4 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).
[33] ebd.
[34] Arbeiter-Zeitung (1907). Sozialpolitik. Der Verbandstag der Taschner, Sattler und Riemer Oesterreichs, 23. Mai 1907, S. 8 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek).